Wenn am Horn von Afrika wieder ein
Schiff gekapert wird ...
Ein
Funkscanner und ein PC genügen für den Empfang der unverschlüsselten Daten
Um die internationale
Schiffahrt sicherer zu machen, gehört seit
einigen Jahren das "Automatic Identification System" (AIS) für
zivile Schiffe über 300 BRT zur Pflichtausrüstung. Doch das hat nicht nur
positive Folgen, denn das System wird offenbar auch von Schiffspiraten genutzt.
Während in der Anfangszeit
der Seefahrt noch Leuchttürme und Bojen für Sicherheit auf See sorgten, wurden
diese ab den 1930er Jahren durch elektronische Navigantionshilfen ergänzt.
Ungerichtete Funkfeuer (NDBs), Radar, Loran und GPS gehören heute zum
Standartrepertoire moderner Schiffsführung und ermöglichen eine weitgehend
sichere Fahrt.
Doch diese Verfahren haben
auch ihre Grenzen, und so kam man vor einiger Zeit auf die Idee, jedes größere
Schiff mit einem System namens AIS auszurüsten. Dabei werden wichtige
Schiffsparameter erfasst und über einen Bakensender zyklisch als Datentelegramm
auf zwei der international festgelegten Seefunkkanäle ausgesendet. Schiffsname,
Position, Geschwindigkeit und Kurs sind nur einige Daten, die mit einer
Reichweite von etwa 50 bis 100 km verbreitet und anderen zur Verfügung gestellt
werden.
Vielseitige Einsatzmöglichkeiten
Die Möglichkeiten von AIS
sind vielseitig. Da jedes ausrüstungspflichtige Schiff neben einem Datensender
auch einen Empfänger für AIS besitzt, können beispielsweise alle in der Nähe
befindlichen Schiffe in die elektronische Seekarte eingeblendet werden. Ein Überwachungsrechner
vermag aus den empfangenen Daten mögliche Schiffskollisionen vorauszuberechnen
und rechtzeitig eine Warnung ausgeben. Die Küstenwache wiederum kann das
Verkehrsaufkommen im kontrollierten Abschnitt überwachen und bekommt alle
Schiffsnamen samt Position direkt auf ihrem Computerbildschirm angezeigt, wie
das bei der Flugsicherung dank Transponderradar schon seit Jahren der Fall ist.
Da die Schiffe auch im Hafen noch ihre Daten senden, kann der Hafenmeister sogar
die Liegezeiten der Schiffe kontrollieren.
Unverschlüsselte Daten
Mit einem Effekt hatte man
allerdings nicht gerechnet: der modernen Piraterie! Da die Schiffsdaten ja
unverschlüsselt und auf bekannten Frequenzen ausgesendet werden, können sie
auch von jedermann empfangen und dekodiert werden. So genügen bereits ein
einfacher Scannerempfänger und ein PC mit entsprechender Software, um sich im Küstenbereich
oder in Kanälen einen Überblick über den vorbeiziehenden Schiffsverkehr zu
verschaffen.
Da im AIS-Datensatz auch
Informationen wie Schiffslänge, Ladungsart und Reiseziel enthalten sind,
bekommen die Schiffspiraten auch noch wertvolle Zusatzinformationen. Ist ein
Schiff erst einmal als lohnenswertes Angriffsziel identifiziert, ist das
Auffinden und Entern des Schiffes im offenen Gewässer dank der gesendeten
Positionsdaten eine leichte Übung. Auch wenn die Ursachen für Schiffspiraterie
sicherlich woanders zu suchen sind, AIS hat diese Form moderner Kriminalität
zweifellos deutlich erleichtert.
Eigene AIS
-Empfangsversuche
Wer in Küstengebieten oder Hafennähe wohnt, kann auch eigene Empfangsversuche auf den beiden AIS-Frequenzen 161,975 MHz und 162,025 MHz unternehmen. Ein Funkscanner (mit Diskriminatorausgang), ein PC und entsprechende Software (siehe Linkliste im Extra-Kasten) genügen bereits zum Dekodieren empfangener AIS-Aussendungen. Mittlerweile werden grafisch aufbereitete AIS-Daten aus zahlreichen Häfen und Kanälen auch im Internet veröffentlicht.
Den kompletten Bericht
finden Sie in unserem eMagazin funkempfang.de - Ausgabe 38 (März/April 2009)